„REISEN REISEN“ GASTBEITRAG:
ENTDECKE TAIWANS SÜDEN & OSTEN
Zwischen Pazifikblau, Palmengrün und Marmorschluchten – Warum Taiwans Süden und Osten süchtig machen
Es gibt diese Orte, von denen man irgendwann zurückkommt und sich ernsthaft fragt, warum zur Hölle man da nicht viel früher war. Taiwan ist genau so ein Ort. Nach der Reise durch den Süden und Osten Taiwans wird uns schnell klar: Das hier ist nicht einfach nur ein asiatisches Reiseziel, das irgendwo zwischen Japan, China und den Philippinen im Kopf herumliegt. Das hier ist eine ganz eigene Mischung. Und zwar eine, die für Individualreisende geradezu unverschämt gut funktioniert.



Taiwans Süden: Hengchun & Kenting im Landkreis Pingtung
Taiwans Süden beginnt schon mal mit einem kleinen Trick: Er sieht auf der Karte harmlos aus, fühlt sich aber an wie ein Ortswechsel in eine andere Welt. Morgens noch Highspeed, perfekte Infrastruktur, easy vom Taiwan Taoyuan International Airport (TPE) zur Metro, zum Schnellzug, zum Bus – null Stress, null Orientierungsdrama. Und vier Stunden später ist man in Hengchun, dieser entspannten kleinen Stadt im tropischen Teil der Insel, und denkt: Moment mal, warum fühlt sich das hier an wie Backpacking-Asien aus den guten alten Zeiten – den Neunzigern oder den Nullerjahren?
Hengchun und Kenting liegen im südlichsten Landkreis Taiwans, in Pingtung County, und innerhalb der Gemeinde Hengchun (Hengchun Township). Sie sind im Reisen-Reisen-Kosmos ziemlich sicher das, was man einen „Hidden Champion“ nennen würde. Kein lautes „Schaut her“, kein überdrehtes Spektakel, sondern Orte, die ganz lässig zeigen, was sie können: süße Gassen, Blumen, Märkte, Streetfood, Roller, Fahrräder, Cafés, Bars, Hostels, und immer wieder dieses Gefühl, dass man hier sofort klarkommt. Taiwan ist generell absurd einfach zu bereisen. Selbst lange Wege fühlen sich nicht nach Strapaze an. Eher nach: Ach krass, das ging jetzt aber flott, weil es so viel zu gucken gibt.





Kenting Nationalpark
Und dann der Kenting National Park. Der einzige tropische Nationalpark Taiwans, eine wilde Mischung aus Regenwald, Küstenwegen, Klippen, Palmenstränden und Wind, der sich wirklich aktiv um deine Frisur kümmert. Must see and do: der Longpang Park, Traumstrände wie Baishawan („White Sand Beach“), Nanwan („South Bay Beach“) oder Xiaowan („Little Bay Beach“), wo das Wasser so klar und türkis ist, dass man kurz misstrauisch wird, ob da jemand am Farbsättigungsregler gedreht hat.
Abends wird daraus dann eine andere Art von Schönheit. Der Kenting Night Market ist eben nicht nur ein Nachtmarkt, sondern eher so eine Mischung aus Essen, Licht, Lärm, Bier, Moped, Wochenendgefühl und diesem sehr asiatischen Talent, Chaos gemütlich wirken zu lassen. Leute schlendern, stehen, snacken, lachen, kaufen Nippes, trinken was, und überall leuchten diese Streetfood-Wagen wie kleine Bühnenbilder. Essen und Getränke sind in Taiwan sowieso selten ein Problem und fast immer zuverlässig die Lösung.
In Taiwans Süden und zwischen zwei Welten
Im Süden sitzt du am Meer, trinkst vielleicht einen Oolong-Eistee oder einen guten Flat White mit Hafermilch – ja, auch das kann Taiwan in Perfektion – und ein paar Stunden später bist du in den Bergen bei einem indigenen Volk, trinkst einen selbstgemachten Reisschnaps, schießt Pfeil und Bogen oder redest über die neue Single von Bruno Mars, dessen Songs auch hier Hits sind. Tradition und Gegenwart immer nebeneinander. Es geht eben nicht nur um schöne Natur, sondern um diese ganz kurzen Distanzen zwischen völlig verschiedenen Welten. Zwischen Bergdorf und Barista-Hafermilch. Zwischen Menschheitsgeschichte und Gegenwart. Zwischen Ritual und Popkultur.




Taitung: Die größte Stadt in Taiwans Südosten
Wenn der Süden schon charmant ist, dann ist der Osten fast schon magisch. Dort kippt Taiwan noch einmal in eine andere Stimmung. Weniger dicht, weniger urban, viel mehr Pazifik, viel mehr Weite, mehr Berge, mehr Luft. Taitung ist dafür der perfekte Einstieg. Eine Stadt mit entspannter Energie, die nicht geschniegelt trendy sein will und genau deshalb so gut funktioniert.
Mit dem Fahrrad durch den Taitung Forest Park zu rollen, zwischen kasuarinenartigen Küstenbäumen, dann plötzlich das Meer aufgehen zu sehen, später am Pipa Lake diesen verrückten Himmel im Wasser gespiegelt zu bekommen – das ist keine Sehenswürdigkeit zum Wegknipsen, sondern eher so ein Zustand. Fast meditativ. Und danach weiter in die Stadt, zu kleinen Cafés, Surfshops, Märkten, Obstständen und Dumplings. Immer wieder Dumplings, diese kleinen knödeligen Teigtaschen, die man von herzhaft bis süß befüllen kann und die man genau in dieser Reihenfolge essen sollte. Wir hatten sie täglich, und das hat uns glücklich gemacht.
Besondere Ostküsten-Momente: Duoliang Bus Stop, Sanxiantai & Drachen
Einer der großen Ostküsten-Momente ist der Duoliang Bus Stop. Dieses berühmte Bushäuschen mit Blick aufs Meer klingt erstmal wie eine sehr kleine Sache. Ist es aber nicht. Weil dahinter dieser offene Pazifik liegt. Das Wasser fällt schnell tief ab und hat deshalb dieses intensive, fast elektrische Blau. Gleiches gilt übrigens für die nahegelegene Duoliang Railway Station, der als Taiwans schönster Bahnhof und als solcher als offizielle Besucherattraktion gilt.
Auch Sanxiantai, diese Insel mit der achtbogigen Fußgängerbrücke, die an Seedrachen erinnern soll, passt perfekt dazu. Der Ort ist nicht einfach nur fotogen, sondern hat diese leicht surreale Qualität, die Taiwan öfter mal aus dem Ärmel schüttelt: schwarze Vulkanfelsen, dramatischer Himmel, grüne Berge. Zum Glück bleibt alles wild genug, um sich nicht wie in einer Kulisse zu fühlen.



Taroko Nationalpark: Das Naturjuwel in Osttaiwan
Der vielleicht größte Wurf im Osten ist dann der Taroko Nationalpark. Schon die Fahrt hinein ist eine Ansage: Tunnel, Brücken, türkisfarbener Fluss, weiße Marmorschluchten, Felswände, Bäume auf Vorsprüngen, als hätten sie sich da oben trotzig festgekrallt. Und mittendrin dann dieses herrlich absurde Reisen-Reisen-Bild: mit Rucksack und etwas müden Trekkingschuhen in den Hotelshuttle und rein ins Silks Place Taroko, das einzige Luxushotel im Nationalpark. Ein bisschen White Lotus, nur mit mehr Wanderschweiß und deutlich sympathischeren anderen Gästen.
Was diesen Ort, dieses Hotel aber wirklich unvergesslich macht, ist nicht nur der Komfort, sondern der Mix aus Komfort und wilder Natur. Nach einem Tag in den Bergen in einem heißen Whirlpool sitzen oder abends unterm Sternenhimmel Open-Air-Kino auf dem Hoteldach – das ist schon ziemlich stark. Vor allem aber, wenn man sich diesen Luxus mit einer richtigen Wanderung verdient hat. Der Dali Datong Trail scheint erst wie ein besserer Spaziergang, entpuppt sich dann aber als echte Bergnummer mit vielen Treppen, dichtem Regenwald und dieser wunderbaren kleinen Reiseerkenntnis, dass die vermeintlich anstrengenden Momente oft genau die sind, über die man am Ende gerne erzählt.
Der Taroko Nationalpark im Osten Taiwans lockt mit dramatisch-geschwungenen Mamorfelsen, Steilhängen und wilden Bergflüssen. ©TTA






Taiwan: Ein Besuch, viele Reisen
Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe von Süd- und Osttaiwan: Diese Insel schafft es, in sehr kurzer Zeit sehr viele verschiedene Reisen auf einmal zu sein. Strandreise. Backpackingtrip. Foodreise. Naturabenteuer. Begegnungsreise. Kleine Komfortorgie. Und das alles in einem Land, das nicht riesig ist, aber unglaublich vielseitig. Genau deshalb passt es so gut zu Reisen Reisen. Weil man hier nicht einfach Sehenswürdigkeiten einsammelt, sondern dauernd das Gefühl hat, in neue Stimmungen zu geraten.
Und ständig denkt man: Ach komm, noch ein bisschen weiter. Genau da fängt es meistens erst richtig an.
Danke Taiwan!
Über den Gastautor

Jochen Schliemann ist eine Hälfte vom größten Reise-Podcast im deutschsprachigen Raum: „Reisen Reisen – der Podcast“. Zusammen mit Co-Host Michael Dietz veröffentlichte er seit 2018 zweiwöchentlich bisher über 250 Episoden zu Reise-Zielen, -Philosophie und -Themen für eine stetig wachsende Community. Das Buch zum Podcast („Reisen Reisen – Wie wir die Welt entdecken wollen“) landete auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Auf seiner ausverkauften Deutschland-Tournee trat das Duo zuletzt unter anderem live in der Kölner Volksbühne vor rund 450 Menschen auf.
Nachdem Jochen Taiwan 2025 auf eigene Faust bereiste und völlig begeistert zurückkehrte, tat es ihm ihm Co-Host Michael Annfang 2026 gleich und schaute sich Taiwans Süden und Osten als Backpacker an. Seine Erlebnisse und Eindrücke verarbeitete er in gleich gleich drei Podcast-Episoden. Die erste Folge dazu kann man hier hören.
Anreise in den Kenting Nationalpark im Landkreis Pingtung
Von Taipeh
Von der Taipei Main Station verkehren regelmäßig Hochgeschwindigkeitszüge (HSR) zur Kaohsiung (Zuoying) HSR Station im Süden der Insel. Die Fahrt dauert bis zu 2 Stunden je nach Verbindung.
Anschließend geht es mit der Kenting Express Line 9189 weiter nach Kenting: Der Bus fährt direkt vor der Zuoying HSR Station ab und bringt Reisende in rund eineinhalb Stunden in den Kenting National Park.
Vom internationalen Flughafen Taoyuan (TPE)
Vom Airport Terminal 2 des Taiwan Taoyuan International Airport fährt die Taoyuan Airport MRT (Commuter Line) im 15-Minuten-Takt direkt zur Taoyuan HSR Station. Die Fahrt dauert rund 15 Minuten. Von dort bestehen HSR-Verbindungen zur Kaohsiung (Zuoying) HSR Station – ohne Umweg über Taipeh. Der Rest der Strecke geht dann wieder per Kenting Express Line 9189 wie oben beschrieben.
Nützliche Links zur Reiseplanung
Für eine Liste aller Wanderwege im Taroko National Park hier klicken.
Für eine Liste aller Attraktionen in und um Taitung City hier klicken.
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